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Montag, 30. Juni 2025



Chaos-Fahrt durch Mailand


Um kurz vor eins sind wir dann an der Barriera A 7 Milano Oevest. Dreieinhalb Stunden haben wir bis hierher gebraucht, das deckt sich fast mit der Angabe das Navis, das 3:21 h vorausberechnet hat. Wir stehen mit dem Panda in einer der mittleren der 14 Mautspuren, ein scheinbar geordnetes System. Ich nutze die Zeit vor der Schranke, um das Navi auf „Autobahnen meiden“ umzustellen. Dann sind wir dran: Ticket einstecken, Anzeige abwarten und bezahlen. 21,70 € kostet das für die 245 Kilometer. Bis Lecco sind es jetzt noch 75 Kilometer oder auch 75 Minuten. Die Schranke geht hoch, die Quittung flattert heraus. Kurzzeitig wirkt alles effizient, doch dann beginnt das Chaos.

Wie in einem überdimensionierten Trichter werden die 14 Fahrspuren auf fünf zusammengequetscht. Markierungen? Fehlanzeige. Jeder fährt, wie er will – oder wie er gerade Platz findet. Die Fahrzeuge drängen sich nebeneinander wie beim Startfeld in Monza (Der Witz musste in Mailand jetzt einfach sein!) LKW werfen ihre Masse in jede kleinste, sich noch bietende Lücke, hupende Kleinwagen schlängeln sich zwischen Reisebussen und Wohnmobilen hindurch, ein Audi reißt quer über drei Spuren, um nachträglich dann doch wieder auf die Tangenziale zu fahren.

Der Panda hält eingekeilt zwischen einem Tanklaster und einem gestressten Mailänder Kurierdienst wacker die Linie, ganz rechts unter dem grünen Schild A 50 Tangenziale Oevest Varese-Como mit dem blauen Feld SP 59 Corsico-Gaggiani, SS 494 Vigevano, SP 114 Cusago usw.

Falsch abgebogen


Dann aber der fatale Fehler: Anstatt links auf A 50 Tangenziale Oevest Bologna, Tangenziale Est, Tangenziale Nord A 4 Venezia zu kommen, führt uns das Navi auf die rechte Spur. Das scheint momentan auch okay zu sein, denn über der Fahrbahn steht immer noch A 50 Tangenziale Oevest Varese-Como und drunter A 4 Torino und A 26 Gravellona.

Was aber jetzt? Die Spur macht plötzlich einen großen Linksbogen unter allen Autobahnen hindurch auf die A 50 nach Westen. Dahin wollen wir >auf keinen Fall! Wir hätten nach Osten gemusst, auf die A 1. Auf der ginge es bis Monza locker um Mailand herum und dann bis Lecco.

Lange bleiben wir aber nicht in falscher Richtung (falsche Richtung, nicht Gegenspur!) auf der A 50, denn bei der Ausfahrt 6 Corsico-Gaggiano führt uns das Navi wieder von der Autobahn runter, sodass wir uns jetzt zäh und schleppend durch die südwestlichen Stadtteile Mailands quälen. Ein wahrer Geduldsparcours.

Barona – urbaner Stadtteil mit sozialem Wohnbau


Wir sind jetzt auf der Via Vievanese im Stadtteil Barona. In diesem dicht bebauten Stadtteil gibt es vornehmlich Ein- und Mehrfamilienhäuser aus dem 20. Jahrhundert sowie Wohnblöcke aus den 1960er- und 70er- Jahren.

Nach zwei Kilometern geht es in Corsico nach links und dann in der Via nehmen die erste Ausfahrt.

Giambellino-Lorenteggio – Arbeiterviertel im Wandel


Wir sind jetzt – es ist viertel zwei (13:15 Uhr) – im Stadtteil Giambellino-Lorenteggio. Über die Via Ferruccio Parri, Via Zurigo und Via Berna (die eine geht in die andere über) geht es drei Kilometer weiter bis zur U-Bahn-Haltestelle Bande Nere.

Von Mailand sahen wir bisher nur eins: Viele Autos in viel zu engen Straßen. Links und rechts alles zugeparkt, manchmal sogar in Zweierreihen und irgendwo quetscht sich immer ein Lieferwagen dazwischen. Der Asphalt ist geflickt, das Tempo uneinheitlich – mal zieht einer vorbei, mal bremst jemand völlig grundlos. Die Fahrbahn ist ein bisschen wie das Viertel selbst: Unruhig und unberechenbar.

An einer Kreuzung eine heruntergekommene Bar, vor der Männer an Motorrollern lehnen und Espresso im Stehen trinken, als hätten sie den ganzen Tag Zeit dafür. Nebenan gibt es einen Tabacchi, zwei Handyläden und einen Friseur mit arabischer Schrift im Fenster. Die Fassaden in Giambellino-Lorenteggio sind alt, viele graubeige oder rotbraun, oft mit Balkonen, auf denen Wäsche hängt oder Satellitenschüsseln in die Straße ragen, dazwischen Graffiti.

Bande-Nere – ein ruhiges Wohnviertel


Nach Giambellino–Lorenteggio erreichen wir den Stadtteil Bande Nere. Der Übergang ist fast nahtlos, aber die Atmosphäre ändert sich deutlich. Bande Nere wirkt – im Gegensatz zu Giambellino–Lorenteggio – strukturiert und geordneter, fast ein wenig verschlossen – als hätte es das Gewusel von Giambellino gerade erst abgeschüttelt. Die Straßen werden breiter, der Verkehr ruhiger. Mehr Bäume, mehr Platz, weniger fliegende Händler und hupende Roller. Statt kleiner Gemüseläden und improvisierter Imbisse prägen hier mittelgroße Supermärkte, Apotheken, Bäckereien mit Neonlicht das Bild. Die Fassaden erzählen von den 60er- und 70er-Jahren: viel Beton, viel Zweck, aber erstaunlich gepflegt. Kein architektonisches Spektakel, aber solide gebautes Wohnen.

An der Piazza Bande Nere, dem Zentrum des Viertels, taucht die gleichnamige U-Bahnstation auf – rot leuchtend markiert sie den Anschluss an die Metro-Linie M 1. Es ist ein nüchterner Platz mit viel Beton und einer seltsamen Mischung aus kargem Charme und Alltagstauglichkeit. Hier biegen wir links ab in die Viale Pisa. Dort geht es nach 300 Metern zunächst mal in einem riesigen Kreisverkehr um einen Park herum.

Selinunte – multikulturell und lebendig


Um halb zwei (13:30 Uhr) sind wir in der Via Carlo Maratta im Quartier Selinunte. Hier ist die Straße ruhig, fast ein wenig verschlafen. Ein paar parkende Autos links und rechts, dazwischen Platanen, deren Äste sich schützend über den Asphalt beugen. Wir fahren langsam, weil’s nicht anders geht – denn der Raum zwischen geparkten Kleinwagen und dem Gegenverkehr ist nicht gerade üppig. Hier wird noch mit Geduld gefahren, nicht mit Tempo. Selinunte ist kein Reiseziel, aber ein Stück echtes, dichtes, gelebtes Mailand. Und genau deshalb bleibt uns dieser unscheinbare Straßenabschnitt im Gedächtnis – weil er eben echt ist. Die Via Carlo Maratta endet an einem Kreisverkehr – mit Ampeln!!! Wir sind jetzt an der Piazzale Fratelli Zavattari angekommen, mitten im Alltag.

Ghisolfa – städtisch und verkehrsgeprägt



Die Häuser, an denen wir vorbeikommen, haben den klassischen 60er-Jahre-Charme – vier, fünf Stockwerke, Balkone mit Blumenkästen, hin und wieder eine Fahne oder Satellitenschüssel. Nichts glänzt, aber es bricht auch nichts zusammen. Der Kreisverkehr gehört zur „Cerchia dei Bastioni“, einem Straßenring an den ehemaligen Festungsanlagen ums Zentrum Mailands. Auf diesem Ring sind wir jetzt zwei Kilometer nach Norden gefahren. Der Verkehr auf der Viale Monte Generi, der Stadtautobahn, ist ruhiger, und Susanne kann – nach der Anspannung durch Mailand – endlich wieder ein Foto machen.

Porta Venezia – elegant, schön, aber aggressive „Fensterputzerin“ stresst


Aber eine Viertelstunde später wird’s schon wieder nervig. Als ich bei Rot an einer der Kreuzungen nahe der Metrostation Marche anhalten muss – das Thermometer im Panda zeigt 37 °C Außentemperatur, das Thermometer an einem Gebäude 42 °C – und konzentriert suche, wo ich dann links einbiegen muss – die Querstraße Viale Zara ist mehrspurig und die Spurenführung alles andere als übersichtlich – kommt plötzlich von links eine Frau mit dunklem Kopftuch, abgetragenem Rock und einem Wassereimer aus dem Schatten, in der linken Hand hält sie einen Schwamm, in der rechten eine Sprayflasche.

Urplötzlich schnellt mein rechter Zeigefinger in die Höhe – und signalisiert ihr, dass ich keinen Dienst von ihr annehmen will. Die geschlossene Seitenscheibe des Pandas verhindert Schlimmeres. Dazu ein Blick, der klarstellt: kein Bedarf. Keine Diskussion. Jetzt nicht. Für einen Augenblick liegt Spannung in der Luft, dann dreht die Frau ab. Die Ampel springt auf Grün und ich fahre weiter, die Viale Zara hoch. Alle paar Meter eine rote Ampel. Das nervt. Nach acht Kilometern bin ich an der Einfahrt Lecco Monza, der Stelle, an der die Umgehungsstraße in die nun SS 36 heißende Viale Zara mündet.

Wozu ein falsches Abbiegen tatsächlich hinführen kann


Hätten wir uns für die Autobahn entschieden, hätten wir läppische 34 Kilometer zurücklegen müssen. In mickrigen dreißig Minuten. Ein Witz! Stattdessen wählten wir natürlich den abenteuerlichen Weg, der uns durch mindestens sechs der schillerndsten, ästhetisch unterschiedlich desolaten Stadtteile Mailands führte.

  • Barona
    Urban, laut, Stau – das „lebhafte“ Herz der hupenden Arbeiterklasse.
  • Giambellino-Lorenteggio
    Ein Stadtteil ohne Kategorie – ein Mikrokosmos im Schatten.
  • Bande Nere
    Grün – wenn man das Moos auf Laternen und die Algen an den Ampeln mitzählt.
  • Selinunte
    Beton, Vielfalt, Charme – offiziell „herausfordernd“, praktisch so wie ganz Mailand.
  • Ghisolfa
    Laut, verkehrsnah, traditionsreich – Hupen und Fluchen inklusive.
  • Niguarda
    Familienfreundlich – mit Klinik, falls man nach dieser chaotischen Stadtdurchfahrt eine braucht.

Vier Kilometer kürzer, ja, dafür aber mit Crashkurs „Mailand für Fortgeschrittene“ inklusive aller kulturellen Schlaglöcher. Und statt 30 Minuten? Doppelfolge! Wenn das kein echtes Urlaubs-Schnäppchen war?

Oh, oh das wird knapp …


Die Sonne steht hoch, als wir kurz nach 14:00 Uhr wenige Kilometer nördlich von der Einfahrt Lecco Monza auf der SS 36 Richtung Norden fahren (45.668282, 9.221767). Wie immer mit dem Panda auf der rechten Spur und wie immer auf Autobahnen mit etwa 90 oder 100 km/h. Der Asphalt flimmert, die Temperatur draußen: 33 °C, die Autos dicht an dicht. Alle drei Fahrspuren sind voll. Kein Zentimeter Platz verschenkt. Nach vorne halte ich Abstand, so gut es geht.

Wir sind gerade unter zwei Brücken hindurch und denken, endlich aus Mailand raus, dann geschieht das: Im rechten Seitenspiegel sehe ich, wie ein kleiner italienischer Wagen die SS-36-Einfädelspur herunterschießt. Viel zu schnell. Obwohl dort ein Vorfahrt-achten-Schild steht, kein Verzögern, keine Reaktion.

Die Fahrerin – jung, vielleicht abgelenkt, vielleicht aber einfach nur rücksichtslos, lenkt direkt in meinen Fahrstreifen. Kein Blinken, kein Schulterblick, nichts. Nach links kann ich nicht, dort ist auf der zweiten Spur auch schon ein Wagen auf gleicher Höhe und neben dem noch einer. Hinter mir hängen sie – wie in Italien üblich – Stoßstange an Stoßstange. Susanne hat den Wagen rechts jetzt auch bemerkt. Sie schreit laut auf, panisch, so wie Menschen reagieren, die den Aufprall bereits vor Augen haben.

… aber bei so einem Traumurlaub ist für einen Unfall einfach kein Platz


Der Nebenmann links ist vielleicht 50 Zentimeter weg. Da geht noch was. Ich weiß nicht, wer mich lenkt, aber der Panda zieht sanft zu ihm rüber – vielleicht zehn oder 20 Zentimeter. Und rechts? Der Wagen der Italienerin kommt immer näher: 30 cm … 25 … 20 … 10 … Ich höre das Blut in meinen Ohren schon rauschen und rechne mit dem Knall. – Und dann – nichts. Kein Aufprall. Kein Schleudern. Nur… wir. Noch hier. Noch ganz.

Als wir beide wieder klar denken können, ist der Wagen der Frau gerade mal fünf Meter vor uns– weiter kam sie bei dem dichten Verkehr  auch nicht. Da man ja nie weiß, wann man so etwas brauchen kann – vielleicht aber auch nur, um ihr ihren rücksichtslosen Fahrstil bewusst zu machen, hält Susanne sichtbar und demonstrativ ihr Handy hoch und macht ein Foto von dem Wagen: Grauer Panda mit einer „GR-irgendwas-Nummer“. (Natürlich kenn ich die ganze Nummer, aber die gehört nicht hierher.)

Noch mal richtig Glück gehabt!

Um viertel drei (14:15 Uhr), wir fahren auf der SS 36 weiter nach Norden, sieht man in der Ferne jetzt das Alpenpanorama mit dem Monte Gronac und dem Monte Bregagno.

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Von Cervo nach Mailand
Mailand
Lecco
Fahrt nach Como

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